Zwei Jahrhunderte später wurde der Markusturm beträchtlich aufgestockt; er ist außerdem das einzige romanische Bauwerk in ganz Venedig. Bevor der Campanile im 15. Jahrhundert durch sein weiß-grünes Spitzdach und den goldenen Erzengel Gabriel nochmals erhöht wurde, diente der “paron de casa”, der Herr des Hauses, späten – womöglich auch angetrunkenen – Heimkehrern als
Orientierungshilfe. Seinen offiziellen Zweck übte der Turm gleich dreifach aus: er war Wach-, Leucht- und Glockenturm zugleich. Auch Kanonen wurden im Genuesischen Krieg hoch hinauf in die Glockenstube gehievt, um dem Feind einen gebührenden Empfang zu bereiten. Ehebrecher dürften den Campanile weiträumig gemieden haben, zumindest solche, die man bei ihren Fehltritten erwischte. Die Ärmsten wurden am Turm in einem vergitterten Käfig an den Pranger gestellt und waren so dem Spott und Hohn der Venezianer ausgeliefert.
Von den fünf Glocken in der Glockenstube des Turms hatte jede ihre ganz bestimmte Bedeutung. Eine davon rief die Senatoren in den Dogenpalast. Für die zum Tode Verurteilten, die auf der Piazza ihrer Hinrichtung entgegenzitterten, läutete die kleinste, Maleficio genannt, deren letzte Stunde ein. Am 14. Juli 1902 stürzte der Campanile plötzlich und unerwartet ein; als Ursache für dieses Unglück, bei dem wundersamerweise niemand zu Schaden kann, vermutete man die salzige Luft, Erdbeben und Blitzschläge. Auch die älteste Glocke blieb unversehrt. Etwa zehn Jahre später erhob sich der Campanile wieder in neu geschaffener alter Pracht über die Dächer der Stadt.
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