Betrachtet man Venedig anatomisch, so ist der Canal Grande die Hauptschlagader der Lagunenstadt des beliebten Reiseland Italien. Die breite Wasserstraße teilt die Stadt in zwei Hälften und bildet – von oben gesehen – ihr gekrümmtes Rückgrat. Der Kanal wird auf beiden Seiten von prächtigen Palazzi gesäumt, die allesamt ihre luxuriösen Schaufassaden auf die Flaniermeile ihrer Stadt ausgerichtet haben.

Diese Prachtentfaltung und Darstellung von Reichtum und künstlerischem Schaffen brachte der Wasserstraße den typisch venezianischen Namen “Canalazzo” ein, einer Mischung von Canal und Palazzo. Insgesamt 200 Palazzi und mehrere gewaltige Kirchen bilden die Märchenkulisse für eine romantische Bootsfahrt. Zwar dienen viele der prächtigen Gebäude heute eher profanen Zwecken, doch sieht man ihrer Fassade nicht an, dass dahinter Banken, Versicherungsgesellschaften oder schnöde Büros ihren nüchternen Beschäftigungen nachgehen.

Eine Fahrt auf dem Canal Grande ist zugleich ein Rundgang durch die architektonische Geschichte der Stadt. Wer will, kann die einzelnen Baustile mit Kennermiene voneinander unterscheiden; man kann es jedoch auch beim schlichten Schwelgen und Genießen der vorübergleitenden Prachtbauten belassen. Welchem Wasserfahrzeug man sich bei der Grand Tour auf dem mondänen Wasserboulevard anvertraut, ist sowohl eine Geschmacks- als auch Kostenfrage. Ohne Frage ist die Fahrt mit einer Gondel die stimmungsvollste und traditionellste, jedoch auch die mit Abstand teuerste Variante.

Weitaus erschwinglicher ist dagegen eine Fahrt mit dem öffentlichen Wasserbus, bei der sich zwar mehr Publikum an Bord tummelt, was der herrlichen Aussicht jedoch keinen Abbruch tut. Falls man die Rundfahrt auf dem Canal Grande bei Niedrigwasser antritt, kann man zugleich einen kritischen Blick auf die weniger schöne Unterseite Venedigs werfen: hier fallen so manche maroden Holzfundamente der nach oben hin so stolz wirkenden Palazzi als mahnende Anzeichen des drohenden Verfalls unangenehm ins Auge. Der hohe Wellengang der vielen Schiffe und Boote, die täglich den Canal Grande befahren, ist daran maßgeblich beteiligt, weshalb seit Jahren heftig über einen Verbot von Motorbooten diskutiert wird. Wie auch immer die Debatte ihren Fortgang nimmt, die Devise lautet: Besuchen Sie Venedig, solange es noch steht.