Nur der Canale della Giudecca und das Markusbecken trennen die beiden Inseln von der Stadt, doch könnte der Gegensatz nicht größer sein. Während in Venedig geschäftiges Leben und Treiben den Ton angab, herrschte auf den beiden Inseln klösterliche Ruhe und Abgeschiedenheit. Ursprünglich war La Giudecca eine reine Klosterinsel mit sieben Klostergemeinschaften.

Im 14. Jahrhundert übersiedelten dann immer mehr Mitglieder der jüdischen Gemeinde Venedigs auf die Insel, was wahrscheinlich auch zu deren Namen führte: “Giudacio” bedeutet jüdisch. Ihnen folgten reiche Venezianer, die auf der Insel großzügigen Baugrund für ihre Sommerresidenzen und ausgedehnte Gärten vorfanden.

Im 19. und 20. Jahrhundert war es schließlich endgültig vorbei mit dem beschaulichen Leben, da die Giudecca von Fabriken der aufstrebenden Industrialisierung in einen wenig romantischen Industrievorort verwandelt wurde. Diese Ära war jedoch bald beendet, nachdem Venedig sämtliche Industrieanlagen auf das Festland verlegte, doch zeugen die verlassenen und verwahrlosten Fabriken auch heute noch von dieser kurzen Zeit des Wirtschaftswachstums.

Dennoch findet man auf der Insel noch manches Relikt aus klösterlichen Zeiten vor, so zum Beispiel die “Kirche der Jungfrauen”, die zu einem Mädchenheim gehörte. Die Palladio-Kirche Il Redentore ist das Glanzstück der Insel und ähnelt mit ihrer ungewöhnlichen Form einem heidnischen Tempel oder Pantheon.

Nur einen Sprung von der Giudecca entfernt, liegt die kleine Insel San Giorgio Maggiore, die fast komplett von dem gewaltigen Komplex des ehemaligen Benediktinerklosters beherrscht wird. Das Kloster mit dem dazugehörigen Areal wurde detailgetreu restauriert und dient als Bildungsstätte für Kultur und Geschichte. Die ebenfalls von Andrea Palladio im klassizistischen Stil erbaute Kirche wurde zwar erst lange nach dessen Tod fertiggestellt, trägt jedoch die unverwechselbare Handschrift des Baumeisters. Auch hier erinnert die Fassade an einen Tempel, und die frei stehenden Skulpturen lassen Ähnlichkeiten mit antiken Säulengängen erahnen. Das Innere der Kirche ist schon wegen der beiden Gemälden von Tintoretto sehenswert: die “Anbetung der Hirten” und das “Abendmahl” waren zwei Spätwerke des Künstlers, die er erst kurz vor seinem Tod fertig stellte.